Interview

"Die klassische Reitlehre und ihre Umsetzung in Theorie und Praxis"   

Herr Smeykal-Meyer, Sie sehen sich als einen der wenigen Träger des Wissens um die klassische Reitkunst. Seit Anfang März 2009 leiten Sie nun das Reit-Kultur-Gut© im Reitpark Würzburg am Schenkenturm. Worin sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Die wenigen noch vorhandenen Wissensträger der Klassischen Reitkunst müssen ihre Kräfte bündeln und Reiten, das ja einen wesentlichen Bestandteil des europäischen Kulturgutes darstellt, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Das Wissen um die Geschichte des Pferdes, um seine Bedürfnisse und sein Verhalten sowie Kenntnisse im Umgang mit dem Pferd sind kulturgeschichtliche Güter, die es zu wahren, zu vermitteln und nachfolgenden Generationen zu überliefern gilt. In diesem Sinne muss also ein Zentrum geschaffen werden, das die Philosophie der Klassischen Reitkunst vermittelt. Besondere Bedeutung haben hier die mündliche Überlieferung und das fundierte langjährige Erlernen dieser Kunst, denn das wahre Wissen um die Klassische Reitkunst - das feinfühlige Reiten der vergangenen Zeiten - kann nur in geringem Umfang schriftlich weitergegeben werden.

Sie haben Ihre vieljährige Ausbildung bei den letzten großen Reitmeistern Europas erhalten, darunter Ihr großes Vorbild Egon von Neindorff (Akademisches Reitinstitut, Karlsruhe), Ernst Bachinger (Spanische Hofreitschule, Wien), Rolf Becher (Chiron) und Günter Festerling - trotzdem sprechen auch Sie, Herr Smeykal-Meyer, von der "Klassischen Reitkunst" - einem Begriff, der in den vergangenen Jahren so oft benutzt und missbraucht wurde wie kaum ein anderer. Warum?

Definitionsgemäß ist die klassische Reitkunst ein Reitsystem für Pferde, das über längere Zeiträume bewährte Prinzipien der Pferdeausbildung zu einem Kanon zusammenfasst und in seiner verfeinerten Ausprägung einen künstlerischen bzw. kunsthandwerklichen Anspruch an den Ausdruck des Pferdes hat. Gerade dieser künstlerische oder kunsthandwerkliche Anspruch wird heute oft leichtfertig vernachlässigt. Bereits bei den Griechen war die Ausbildung des Pferdes auf Einfühlung und gute Behandlung aufgebaut. Xenophon sagte einmal: "Erzwungenes und Unverstandenes ist niemals schön und wäre gerade so, als ob man durch Peitschen und Stacheln einen Tänzer zum Umherspringen zwingen wollte." Reit-Kultur-Gut© will diese Reitkunst, die mit dem Untergang des griechischen Weltreiches später mit der Völkerwanderung allmählich ihre Bedeutung verlor und schließlich ganz unterging, mit all Besonderheiten wieder aufleben lassen. Als Kunstschaffende können wir hier, wo ein theoretisches Fundament vorhanden ist, anders als Autodidakten, die trotz scheinbarer reiterlicher Erfolge immer nur "Handwerker" bleiben werden, Reitkunst schöpferisch entwickeln und Reiten vom rein Handwerksmäßigen zur Kunst erheben. Deshalb spreche ich bewusst und absichtlich von "Reit-Kunst".

Herr Smeykal-Meyer, Sie schildern die Klassische Reitkunst als ein komplexes Gebilde. Wollen Sie damit zum Ausdruck bringen, dass der Umgang mit Pferden auch andere Lebensbereiche prägt?

Reit-Kultur-Gut© lehnt die heute weit verbreitete Betrachtungsweise des Pferdes als bloßes Sportgerät grundsätzlich ab. Das Pferd bei uns ist - ähnlich den Ritterakademien der frühen Neuzeit, an denen junge Adelige auf ihre Aufgabe bei Hofe und in der Verwaltung vorbereitet wurden - Instrument für die sozialverantwortliche Ausbildung von Jugendlichen, die hier das Rüstwerkzeug an die Hand erhalten, um gerade und aufrecht durchs Leben zu gehen. Der Umgang mit dem Pferd hat eine seit alters her bekannte persönlichkeitsprägende Wirkung auf den Menschen. Es ist uns ein besonderes Anliegen, junge Menschen durch die Arbeit mit dem Pferd auf einen Weg zu bringen, der im Kontext der heutigen gesellschaftlichen Wertentwicklung wieder zunehmend an Bedeutung gewinnt - hat doch die gesellschaftliche Krise inzwischen auch die Jugend erreicht: Auf Selbstausgestaltung bezogene Vorstellungen bestimmen die Lebensführung, Verantwortung für Gemeinschaft und Umwelt will niemand übernehmen.Dem wirkt der Umgang mit dem Pferd entgegen, indem er Einfühlungsvermögen, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz lehrt, zur Selbstorganisation erzieht und damit all diejenigen Fähigkeiten fördert, die gemeinhin als die Voraussetzung für die Erfüllung einer Führungsposition gelten, ganz "nebenbei" vermittelt. Es entstehen konstruktive Gemeinschaften und einzigartige Gefüge aus Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Zuversicht. Dem Reiten fällt somit gerade in der heutigen Zeit eine interessante Schlüsselrolle zu: Das Pferd selbst ist der beste Pädagoge!

Reiten also nicht als Sport, sondern als Geschichtsunterricht, Kulturkunde und Selbstfindung? Ist das nicht eine übermäßige Vergeistigung einer an sich "körperlichen" Fertigkeit?

Ganz und gar nicht. Schon Max Weyrother hat in seinen Aufzeichnungen dem denkenden Reiter weit mehr Raum gewidmet als der Ausbildung des Pferdes und damit die Notwendigkeit betont, das praktische Können durch theoretisches Wissen zu unterstützen. Neben dem Wissen um Physiologie und Psychologie muss der Reiter eine klare Vorstellung von Bewegungslehre und Gleichgewicht haben. Die Theorie ist das Wissen, die Praxis das Können. Das Wissen aber soll immer dem Handeln vorausgehen!Reit-Kultur-Gut© setzt sich die Heranbildung von Pferden zum Ziel, die nicht nur in den Gängen und später in den Sprüngen der Hohen Schule glänzen, sondern auch ruhig, geschmeidig und gehorsam sind und durch angenehme Bewegungen das Reiten zu einer Freude machen. Wir bilden Pferd und Reiter kompromisslos nach der reinen klassischen Reitlehre aus, die in ihren zentralen Grundsätzen den Respekt vor dem Individuum und die Faszination an der gewaltfreien Ausbildung des Pferdes bis hin zur Hohen Schule beinhaltet ("Vervollkommnung der Natur").

Herr Smeykal- Meyer, Sie haben gerade die Physiologie des Pferdes angesprochen. Oftmals gelten Bewegungen, Rittigkeit oder Lektionen ja als Besonderheiten der einen oder anderen Rasse. Stößt die Klassische Reitkunst da an ihre Grenzen?

Feinfühliges Reiten hängt nicht ab von der Rasse oder Größe des Pferdes, wie manche irrtümlich meinen, sondern von den Fähigkeiten und der Ausbildung des Reiters. Nur mit einem äußerst fein ausgebildeten Körpergefühl [des Reiters, Anm. des Verfassers] kann das Pferd alle Lektionen und Bewegungen losgelassen, im Takt und voller Energie ohne jegliche Verspannungen oder Blockaden in Muskeln oder Gelenken ausführen. Einwirkungen des Reiters sind auf dieser höchsten Stufe der Ausbildung nicht mehr sichtbar; der Reiter macht vielmehr alle Bewegungen seines Pferdes in einer ruhigen, natürlichen Haltung mit - als wäre er mit seinem Pferd in vollendeter Harmonie verwachsen. Dies fördert das psychische und physische Wohlbefinden des Pferdes und erhält Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft bis ins hohe Alter: das Potential des Pferdes - eines jeden Pferdes! - kann so in vollem Glanze erblühen.

Seelisches und körperliches Wohlbefinden - allein durch richtiges Reiten?

Die beste Reitkunst freilich nützt wenig, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, das Pferd z. B. falsch gefüttert wird oder der Sattel nicht passt. Reit-Kultur-Gut© bietet deshalb ergänzend auch natürliche, pferdegerechte Fütterung ohne Fertigfuttermittel, tierärztliche Betreuung durch renommierte, ganzheitlich arbeitende Tierärzte und Tierzahnärzte sowie qualifizierte Optimierung von Sattel und Ausrüstung - den wichtigsten Bindegliedern zwischen Pferd und Reiter.

Gewaltfreie Ausbildung ohne Überforderung, vollwertige Kost, biologische Tiermedizin - das klingt nach einem vorbildlich ganzheitlichen Konzept für Pferde, das in dieser Form in Nordbayern ein vollkommenes Novum ist. Welche Visionen haben Sie?

Gustav Steinbrecht hat einmal gesagt: Durch den langen, intimen Umgang mit seinem Meister wird das Pferd unendlich intelligent und aufgeweckt; da es so viel zu lernen hat und fortdauernd angehalten wird, den leisesten Wink des Reiters zu beachten, werden seine geistigen Kräfte mit denen des Körpers gleichmäßig geübt, so dass es in dem Grade anhänglich und zutraulich zu seinem Herrn wird als es an Fertigkeit in seinen Schulen zunimmt, die es, wenn die Ausbildung vollendet ist, mit einer Art von freudigem und stolzen Selbstbewusstsein ausführt. Ich möchte darüber noch hinausgehen und behaupte, auch die Entwicklung des Menschen folgt diesem Schema. Beides wahrzunehmen und fördern zu dürfen, ist Inhalt und schöpferische Leistung meines Lebens. Reit-Kultur-Gut© soll ein Zentrum für klassische Reitkunst sein, das klassische Ausbildungsmethoden für Mensch und Tier mit neuem Leben erfüllt ("gelebtes Reit-Kultur-Gut"). Neben dem Voltigierunterricht, der von den "Voltis vom Schenkenturm" angeboten wird, wird es Fahrkurse geben, Ausbildung für Reiter und Pferd bis zur Hohen Schule, Speziallektionen auf iberischen und arabischen Pferden, Galaabende der klassischen Reitkunst, Veranstaltungen rund um die Geschichte der Klassischen Reitkunst sowie Fecht- und Tanzunterricht als Abrundung der Persönlichkeitsbildung nach klassischem Vorbildern. Unser vielseitiges Unterrichtsangebot richtet sich ausdrücklich auch an Einsteiger und Wiedereinsteiger aller Altersstufen.

Herr Smeykal-Meyer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

(C) copyright Reitschule Smeykal-Meyer | Interview geführt von Sylvia Grab

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